Peter Lermen in Namibia

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Erfahrungsbericht aus Namibia

von pract. med. Peter Lermen

Ausgerechnet Namibia! Was soll ich dort? Afrika war nie mein Sehnsuchtsziel, zu Menschen und Kultur dort hatte ich keine Verbindung. Also noch einmal, was sollte ich dort?

Erstmals vor mehr als zwei Jahren von Barbara Müller auf ihr Projekt angesprochen, habe ich auch mehr oder weniger genau das gesagt. Aber mit ihrer bekannten freundlichen Beharrlichkeit liess sie nicht locker. Immer wieder kam die Frage: "Wann kommst Du denn jetzt mit?"

Steter Tropfen höhlt den Stein und so sass ich dann Anfang März mit Barbara im Flieger Richtung Windhoek.

Unterwegs

Schon der Beginn der Reise lief à la TIA: Der für mich und die nach mir kommende Ärzte organisierten Allrad Geländewagen mit Diesel entpuppte sich als benzingetrieben. Nach dem Tanken versteht sich. Und so brachen wir mit etwas Verspätung und nach einer langsamen Abschleppfahrt durch Windhoek mit einem statt mit zwei Wagen gen Norden auf.

Ein weiterer Grund, warum ich der Sache kritisch gegenüber stand, war mein beruflicher Hintergrund. Was sollte ein recht junger Arzt, der nicht eine jahrzehntelange Erfahrung vorweisen kann, dort unten machen? Grosse Spezialkenntnisse weiter zu geben mit gerade knapp zehn Jahren Berufserfahrung traute ich mir nicht zu, zumal die meisten Kollegen wahrscheinlich länger "im Geschäft" sind als ich. Die Antwort auf die Frage "Was soll ich dort überhaupt Sinnvolles machen?", war jedoch erstaunlich einfach: Arbeiten.

Spital Andara

Im Spital Andara, das eine Region mit ca. 38'000 Einwohnern versorgt und über 120 Betten verfügt, waren während meines Aufenthaltes nur zwei Ärzte tätig, die den Spitalbetrieb aufrechterhielten. 7 Tage die Woche. 24 Stunden am Tag. Zum Vergleich, in einem Spital ähnlicher Ausrichtung mit 50 bis 70 Betten in der Schweiz sind hierfür zwischen 20 und 30 Ärzte im Einsatz!

Neben Stationen für Männer, Frauen, Kinder und Tuberkulosekranke, verfügt das Spital über eine gut frequentierte Gebärabteilung, einen Notfall und ein Ambulatorium. Pro Jahr werden in diesen Departementen plus/minus 22'500 Patienten behandelt. Also mehr als genug Arbeit, weshalb es nach einer kurzen Einführung durch die beiden Kollegen zügig losging.

Der Alltag im Spital

Nach der morgendlichen Stationsvisite steht ab 11 Uhr die Arbeit im Ambulatorium und Notfall an, wo man recht konstant zwischen 30 und 50 Patienten sieht. Patienten, die oft keine andere Sprache als den lokalen Dialekt sprechen, die Krankheitsbilder präsentieren, welche man in der Schweiz nicht (mehr) sieht und die ein anderes Verständnis von Krankheit haben als wir hier. Vom übrigen soziokulturellen Hintergrund ganz zu schweigen.

Unterstützt von einem Übersetzer und mit den Schweizer Leitlinien der Inneren Medizin in der Tasche geht es also an die Arbeit. Und schon bald merke ich, dass ich mir letztere mitzunehmen hätte sparen können. Zu verschieden von der Schweiz sind die Behandlungsmöglichkeiten vor Ort, ganz andere Krankheitsbilder stehen im Vordergrund. Unsere typischen Zivilisationskrankheiten, das tägliche Brot eines jeden Hausarztes, kommen kaum vor. Altersgebrechen kommen weniger vor, schlicht weil viele vorzeitig sterben. Aktuell hat die Lebenserwartung immerhin wieder 50 Jahre überschritten. Das tägliche "Geschäft" besteht hier aus Infektionserkrankungen, allen voran Malaria, Tuberkulose und HIV, Unfällen und (Klein)Kindern.

Der nächste Spezialist, den man um Rat fragen kann, wenn man nicht mehr weiter weiss, ist weit. Mindestens 200 Kilometer (Rundu), meist jedoch 1000 Kilometer (Windhoek). Und die Wartelisten sind lang. So ist oftmals Literaturrecherche angesagt, wenn das Internet funktioniert, um herauszufinden, wie man möglichst mit den vorhandenen Mitteln weiter kommt. Laborbefunde, hier in der Schweiz innert weniger Stunden verfügbar, brauchen zwei Tage, Röntgenuntersuchungen finden zurzeit aus Personalmangel nur am Donnerstagvormittag statt.

Sicher könnte ich noch lange fortfahren zu erzählen, was nicht funktioniert, was schlechter, nein anders, als in der Schweiz ist – aber es ist eben so, wie es ist.

Einfallsreichtum und Motivation aus Mangel

Viel eindrücklicher war für mich aber, was die Folge all dieses Mangels war. Nämlich ein hochmotiviertes Team, das den Mangel nicht einfach verwaltete, sondern versuchte, das bestmögliche daraus zu machen. Kollegen, die seit Monaten ein Pensum abarbeiten, das man sich kaum vorstellen kann, und trotzdem jeden Morgen im Übergaberapport noch zu Scherzen aufgelegt sind. Menschen, die einen auf der Strasse ansprechen und Danke sagen, einfach dafür, dass man da ist. Gut, letzteres mag auch daran liegen, dass ich farblich etwas aus der Rolle gefallen und dadurch mehr aufgefallen bin.

Dass manche, auch junge, Menschen gestorben sind, weil selbst eine einfache Diagnostik dort Tage dauert, ist natürlich einer der frustrierenden Aspekte. Gleichwohl war es interessant, dass sich die dortigen Kollegen damit nicht einfach abgefunden haben, sondern sie ein solcher Fall mindestens ebenso betroffen gemacht hat wie mich. Man ist sich der Ineffizienz bewusst, die vielerorts herrscht, aber noch nicht so abgestumpft sie einfach hinzunehmen. Das lässt zumindest hoffen. Letzten Endes war die Arbeit fordernder als ich erwartet hätte, manchmal mühsam oder frustrierend, aber immer spannend und sehr erfüllend.

Aber nicht alles war Arbeit. Dazu kommen all die Eindrücke von Land und Leuten. Sei es durch die Wochenendausflüge mit Barbara Müller oder alleine, sei es durch persönliche Begegnungen, Einladungen zu Familien, in Dörfern. Der Drang, sich auszutauschen war gross und ansteckend.

Alles in allem war es eine Erfahrung, die ich nicht nur nicht missen, sondern wiederholen möchte. Für länger, denn irgendwie bleibt das Gefühl, noch viel tun zu können.

Danke

Darum zu guter Letzt noch ein Dank an Barbara Müller für Ihre Hartnäckigkeit, die oft anstrengend ist, aber letzten Endes all das erst möglich macht.

Übrigens...

Mehr zu den Projekten von Mudiro gibt's hier zu lesen

Und einen Flyer als PDF zum Runterladen gleich hier

Impressionen

Bilder: Jana Gerber

Bilder: Mudiro

Nicht einfach den Mangel verwalten, das Beste aus den Möglichkeiten machen.

pract. med. Peter Lermen

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